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München

Wings for Life World Run: Botschafter Moritz Brückner im Interview


Wings for Life World Run
"Querschnitt kann blöderweise jeden treffen"

  • Sven Sartison
InterviewVon Sven Sartison

26.03.2025Lesedauer: 7 Min.
Moritz Brückner beim Wings-for-Life-Spieltag des EHC Red Bull München (Archivbild): Der 26-Jährige ist seit dem vergangenen Jahr Botschafter des weltweiten Laufevents.Vergrößern des Bildes
Moritz Brückner beim Wings-for-Life-Spieltag des EHC Red Bull München (Archivbild): Der 26-Jährige ist seit dem vergangenen Jahr Botschafter des weltweiten Laufevents. (Quelle: Red Bull München / City-Press GmbH)
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Auch in diesem Jahr wird beim Wings for Life World Run in München für alle gelaufen, die es nicht können. Botschafter Moritz Brückner erklärt im Interview, warum das wichtig ist.

Seit einem Unfall vor sechs Jahren sitzt Moritz Brückner im Rollstuhl. Beim Surfen im Urlaub in Chile fiel der damals 19-Jährige vom Board und schlug unglücklich mit dem Kopf auf dem Sandboden auf. Als er wieder auftauchen wollte, ging das nicht, er konnte seine Arme nicht mehr bewegen. Im Krankenhaus stellten die Ärzte fest, dass sich Brückner den siebten Halswirbel gebrochen hatte. Diagnose: Querschnittslähmung.

Aufgeben kam für den Allgäuer aber nicht infrage. Heute ist er als Motivationsredner auf Messen, in Schulen und in Unternehmen unterwegs, er hat einen eigenen Podcast und ist in den sozialen Medien aktiv. Zudem ist er Mitglied der deutschen Rollstuhlrugby-Nationalmannschaft, mit der er an den Paralympics 2024 in Paris teilnahm, und obendrein noch Botschafter des Wings for Life World Runs, der in diesem Jahr am Sonntag, dem 4. Mai, zum insgesamt zwölften Mal stattfindet.

Allein in München werden 14.000 Menschen beim Flagship Run für diejenigen laufen, die selbst nicht laufen können. Alle Startgelder fließen zu 100 Prozent in die Rückenmarksforschung. Im Interview mit t-online spricht Brückner über seine Rolle als Botschafter des Wings for Life World Run und die Bedeutung des Laufs für die Wissenschaft. Außerdem erklärt er, was das Event aus seiner Sicht ausmacht und warum München dafür genau die richtige Stadt ist.

t-online: Herr Brückner, wenn Sie einen Wunsch frei hätten – wie würde dieser lauten?

Moritz Brückner: Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich gerne wollen, dass sich meine Eltern keine Sorgen mehr um mich und meinen Bruder zu machen brauchen. Das ist eine Sache, die mir seit dem Unfall noch mehr am Herzen liegt. Ich glaube, es ist das Ziel von jedem Kind, sein Leben so auf die Reihe zu bekommen, dass man den eigenen Eltern sagen kann: "Egal, was ist, auch wenn mir die Welt auf den Kopf fällt – ich komme klar. Ihr braucht euch um mich keine Sorgen zu machen."

Seit dem vergangenen Jahr sind Sie Botschafter des Wings for Life World Runs. Wie kam es dazu?

Zunächst war ich als Teilnehmer bei den Runs dabei. Angefangen hat das Ganze dann mit einem Interview. Wings for Life wollte die Betroffenen einfach mal in Szene setzen und zeigen, was es bedeutet, für die zu laufen, die es nicht mehr können. Welche Menschen stecken da dahinter? Wenn man die Geschichten hinter den Menschen sieht und hört, versteht man mehr, was dieser Satz eigentlich bedeutet. Durch meine Art und Geschichte konnte ich die Veranstalter dann überzeugen: Ich rede gerne, habe eine Energie und Motivation und stehe zu 100 Prozent hinter diesem Run. Ich finde den Wings for Life World Run von Herzen richtig, richtig gut.

Starter beim Wings for Life World Run 2024 in München.
Starter beim Wings for Life World Run 2024 in München. (Quelle: Marc Müller/Wings for Life World Run)

Das ist der Wings for Life World Run

Das Konzept des Wings for Life World Runs ist einzigartig. Denn es gibt keine vorgegebene Streckendistanz. Alle Teilnehmer laufen oder fahren mit dem Rollstuhl so lange, bis sie vom sogenannten Catcher Car eingeholt werden. Dieses startet eine halbe Stunde nach den Teilnehmern mit einer Geschwindigkeit von 15 Kilometern pro Stunde und erhöht alle 30 Minuten sein Tempo, ehe nach viereinhalb Stunden die maximale Geschwindigkeit von 34 Kilometern pro Stunde erreicht ist. Wer überholt wird, scheidet aus.
Seit 2014 findet das Event jedes Jahr im Mai statt. Alle Einnahmen fließen zu 100 Prozent in die Rückenmarksforschung. Neben den sieben sogenannten Flagship Runs in München, Zug (Schweiz), Ljubljana (Slowenien), Wien (Österreich), Zadar (Kroatien), Posen (Polen) und Breda (Niederlande) ist es zudem möglich, mit der offiziellen App virtuell überall auf der Welt am Rennen teilzunehmen.

Im vergangenen Jahr saßen Sie als Beifahrer im Catcher Car. Dazu waren Sie kürzlich beim Wings-for-Life-Spieltag des EHC Red Bull München. Was zählt noch zu Ihren Aufgaben als Botschafter?

Ganz groß und grob gesagt, repräsentiere ich diesen Run. Natürlich könnte Wings for Life anstelle von mir auch einfach Botschafter ohne körperliche Einschränkungen nehmen, die inhaltlich sicher sehr viel Tolles, Schönes und Richtiges sagen könnten. Am Ende ist der Wings for Life World Run aber ein Spendenlauf für Menschen mit Behinderung, für Menschen im Rollstuhl, für Querschnittsgelähmte. Ich habe mir vor sechs Jahren meinen Hals gebrochen, ich bin querschnittsgelähmt. Als Botschafter ist es daher meine Aufgabe, den Leuten zu zeigen, warum der Lauf für uns alle wichtig ist und was für sie selbst dabei herausspringen könnte.

Und was wäre das?

Wir laufen jetzt und investieren Arbeit für die Forschung, damit vielleicht zukünftige Generationen von Querschnittsgelähmten geheilt werden können. Querschnitt ist nichts, das man von Geburt an hat. Ich war vor sechs Jahren auch ein ganz normaler Fußgänger, habe mein Studium und meine WG gehabt und hatte ganz andere Ziele und Ambitionen. Dann war ich einmal surfen und es hat sich alles geändert. Querschnitt kann blöderweise jeden treffen. Meine Aufgabe als Botschafter ist es, die Leute genau dafür zu sensibilisieren.

Sie waren schon immer sehr sportlich, haben früher getanzt und Fußball gespielt. Heute sind Sie Rollstuhlrugby-Nationalspieler und waren bei den Paralympics 2024. Was macht den Wings for Life World Run im Vergleich zu einem solchen Großereignis besonders?

Die Energie vor Ort, die Stimmung. Es ist kein Leistungsevent, bei dem es darum geht: Wer am weitesten kommt, ist der allergeilste. Das ist überhaupt nicht der Fall. Jeder gibt sein Bestes und ist am Ende ein Sieger. Wenn die Leistungsathleten die 60 Kilometer knacken wollen, dann haben sie dazu die Chance. Andere schaffen aufgrund ihrer Behinderung vielleicht nur 20 Meter. Aber das ist völlig egal. Alle haben Spaß und wissen, worum es geht – nämlich um die Querschnittsforschung.

Erstmals führt der Flagship Run in München dieses Jahr auch durch die Innenstadt. Was bedeutet die neue Streckenführung für die Teilnehmer und die Atmosphäre des Laufs?

Es wird wahrscheinlich sehr viel mehr Leute geben, die am Streckenrand Stimmung verbreiten und unterstützen. Es muss nicht jeder dabei sein und auch direkt mitlaufen. Die Leute an der Seite wissen auch, wofür sie es machen. Selbst bei Kilometer 40 oder 50, wo vielleicht noch maximal zehn Läufer vorbeikommen, stehen noch Leute und jubeln.

Der deutsche Flagship Run findet bereits seit 2015 in München statt. Warum ist es hier genau der richtige Ort für so ein Event?

Allein schon durch den Start im Olympiapark ist man motiviert. So ein bisschen wandelt man auf den Spuren der Leistungsathleten, die damals bei den Olympischen Spielen alles gegeben haben. Auch die Gegebenheiten vor Ort und die Umgebung sind einfach toll. Dazu kommt die Nähe zu Österreich, wo die Stiftung ursprünglich herkommt. Natürlich könnte man den Wings for Life World Run auch in anderen deutschen Städten machen. Aber München passt da schon sehr gut.

Was könnte die Stadt München denn aus Ihrer Sicht noch mehr für Rollstuhlfahrer tun?

Ich bin immer der Meinung, dass Barrierefreiheit ein Prozess ist. Man kann nicht mit dem Finger schnippen und alle Treppen werden auf einmal zu Rampen. Was aber sehr gut wäre: Wenn bei den öffentlichen Verkehrsmitteln die Zugänge zu den Haltestellen noch etwas mehr verbessert werden könnten. Ich denke da an kaputte Aufzüge in S- oder U-Bahn-Stationen. Davon sind ja nicht nur Rollstuhlfahrer betroffen, sondern auch Senioren mit Rollatoren oder Eltern mit Kinderwagen. Eine hundertprozentige Barrierefreiheit werden wir aber nie hinbekommen. Das ist Utopie.

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Die Startgelder des Wings for Life World Run fließen zu 100 Prozent in die Rückenmarksforschung. Im vergangenen Jahr kamen so weltweit 8,1 Millionen Euro zusammen. Welchen Anteil leistet dieses Geld für die Forschung und wo stehen wir gerade?

Anteilig ist das eine Riesensumme. Acht Millionen Euro sind der Wahnsinn. Damit können sehr, sehr viele Forschungen unterstützt werden. Wir sind aber bei Weitem noch nicht fertig. Teilweise ist man noch an der Grundlagenforschung. Wir müssen geduldig sein, Forschung ist – wenn man sie gut machen möchte – ein längerfristiges Ding. Daher ist es auch so wichtig, dass wir den Wings for Life World Run weiterhin jedes Jahr veranstalten und Spendengelder sammeln.

Allein in München nehmen in diesem Jahr 14.000 Menschen am Flagship Run teil. Was können denn all diejenigen für die Rückenmarksforschung tun, die nicht mit an den Start gehen?

Wenn man nicht beim Flagship Run dabei ist, hat man die Möglichkeit, per App von überall auf der Welt aus mitzumachen. Und Spenden kann man sowieso immer. Ansonsten kann man die Querschnittsforschung nicht wirklich groß unterstützen. Da braucht die Wissenschaft einfach ihre Zeit. Was man aber im Sinne der Inklusion machen kann, ist, sich ein bisschen mit der Thematik auseinanderzusetzen. Das heißt nicht, dass man Bücher durchlesen oder sich Videos anschauen muss. Sondern einfach den Menschen gegenüber offen sein. Einfach mal zuhören, Dingen wie dem paralympischen Sport eine Chance geben. Natürlich kann man sich jedes Mal Fußball angucken. Es gibt aber noch viele andere coole Sportarten – zum Beispiel Rollstuhlrugby.

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Sie selbst haben bislang zweimal am Wings for Life Run teilgenommen, zuletzt vor zwei Jahren. Ein Blick in die Teilnehmerliste zeigt, dass Sie dieses Jahr wieder dabei sind. Was ist ihr Ziel: Die 7,3 Kilometer von 2023 zu knacken?

Sollte ich im Rollstuhl an den Start gehen, werde ich schauen, dass ich noch weiter komme als beim letzten Mal. Ich werde das Maximum aus mir herausholen. Ich peile auf jeden Fall die zehn Kilometer an.

Beim Laufen gibt es eigentlich nur zwei Extreme: Entweder man liebt es oder man hasst es. Wie sah es bei Ihnen aus, als Sie noch Fußgänger waren?

Ich kann sehr gut verstehen, wenn Menschen sagen: "Ich hasse das." So ging es mir auch, wenn ich joggen war. Ich finde aber, man muss diesen zähen Schmerz beim Laufen einfach ein bisschen zu schätzen lernen, sich durchbeißen und den inneren Schweinehund besiegen. Diesen einen Kilometer weiterzukommen, fünf Minuten länger zu schaffen – genau darum geht es.

Welche Botschaft würden Sie abschließend gerne mit dem Wings for Life World Run verbinden?

Es ist eine riesengroße Leistung von jedem, der am Wings for Life World Run teilnimmt und seine Zeit für die eigene Gesundheit und die Forschung nutzt. Mein Rat an alle Starter ist daher: "Habt Spaß und holt das meiste aus diesem Tag heraus. Für euch und die Menschen um euch. Genießt es, saugt alles auf und macht euch davon ganz viele Bilder für eure Erinnerungen im Kopf. Damit ihr in dem Wissen zurückschauen könnt, dass ihr einen kleinen Bruchteil dazu beigetragen habt, dass Querschnitt irgendwann geheilt werden kann."

Verwendete Quellen
  • Interview mit Moritz Brückner
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