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Zum journalistischen Leitbild von t-online.Cannabis-Legalisierung Bayern boykottiert Social Clubs: Verein kämpft gegen das Aus

Seit einem Jahr ist der Anbau von Cannabis in Deutschland erlaubt, doch der Freistaat boykottiert das Gesetz. Ein Verein kämpft mit Geldsorgen und der Bürokratie.
Seit fast genau einem Jahr, dem 1. April 2024, ist der Konsum von Cannabis in Teilen legal. Auch der Anbau von Marihuana ist seitdem unter bestimmten Bedingungen erlaubt. In den meisten Teilen Deutschlands hat sich der Alltag für Konsumenten deutlich verändert – nicht aber in Bayern. Denn der Freistaat sträubt sich von Beginn an gegen die Legalisierung. Und boykottiert Anbaupläne.
Freistaat genehmigte bislang keinen einzigen Social Club
Erdinc Tuncer macht das wütend. Der 44-Jährige ist Vorsitzender eines sogenannten Cannabis Social Clubs, dem CSC-Minga. Solchen Clubs ist es laut Bundesgesetz erlaubt, Cannabis anzubauen und weiterzuverkaufen. Zumindest in der Theorie, denn in Bayern muss der Freistaat diese zunächst genehmigen. Die bayerische Staatsregierung hat bislang jedoch noch keinem einzigen Verein eine Erlaubnis erteilt.
Vorsitzender Tuncer spricht von einer "Hinhaltetaktik" und von einem "Ping-Pong-Spiel" zwischen der zuständigen Behörde, dem Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) sowie dem Amtsgericht. Bei letzterem hat der Verein im Oktober gegen den Freistaat geklagt. Laut Tuncer sucht das LGL immer wieder Schwächen in der Satzung des Vereins, anhand welcher das Amt die Genehmigung verweigern kann. Gerade aktuell: Die Behörde fordert, dass alle Mitglieder des Vereins direkt an der Cannabis-Pflanze arbeiten können müssen. Dazu zählen auch Menschen mit Behinderungen oder sonstigen Einschränkungen.
Vorsitzender Tuncer: "Staat provoziert Diskriminierung"
Im CSC-Minga wirken laut Tuncer auch Menschen im Rollstuhl oder etwa mit Platzangst mit. Die Räumlichkeiten, die der Verein angemietet hat, seien nicht barrierefrei – ein Umzug in Räume, die den Anforderungen des Landes entsprechen, wiederum zu teuer. Für Tuncer bedeutet das: Möchte er die Genehmigung für den Social Club, müsste er alle Menschen mit Behinderung oder Einschränkung aus dem Verein werfen. Für den Vorsitzenden keine Option. "Das ist Diskriminierung", sagt Tuncer, "und dass der Staat so was provoziert, geht überhaupt nicht."
Tuncer berichtet von anderen Social Clubs mit ähnlichen Erfahrungen. Von 36 Vereinen hätten acht bereits ihre Anträge zurückziehen müssen – wegen Finanzierungsproblemen. Kosten für Miete, IT-Systeme sowie etwa die Homepage seien hoch. Tuncers Verein zahle monatlich 2.500 Euro Miete, hinzu kämen weitere 800 Euro an Fixkosten. "Wir zahlen seit acht Monaten Miete, machen aber keinen Umsatz, weil wir nichts anbauen und verkaufen dürfen", sagt der Vorsitzende.
Mitglieder verlieren Hunderte Euro an Investitionen
Bei der letzten Sitzung sei rund ein Drittel der 156 Mitglieder aus dem CSC-Minga ausgetreten. Jedes Mitglied habe mit der Anmeldung 700 Euro bezahlen müssen, damit der Verein auch ein Startkapital hat. Für die ausgetretenen Mitglieder verlorenes Geld. Aktuell bleiben dem CSC-Minga laut Tencer dank weiterer Anschubzahlungen 10.000 Euro. Das reiche für drei Monate.
In einem Brandbrief an die Presse und Politik wenden sich die Vereinsmitglieder an die Öffentlichkeit, mit einer Spendenaktion wollen sie den CSC-Minga retten. 190 Euro seien seit Start am Montag eingegangen. "Immerhin", sagt Tuncer.
Tuncer: "Glauben nicht mehr an Gerechtigkeit"
"Gerade glauben wir nicht mehr an Gerechtigkeit", sagt Tuncer dazu. Aufgeben will er dennoch nicht. Andere Vereine hätten sich von den Anbau- und Verkaufsplänen bereits verabschiedet und organisierten stattdessen etwa Veranstaltungen. "Für mich ist das keine Option", sagt Tuncer.
- Gespräch mit Erdinc Tuncer